Eingekult in der Couch, so sitz ich da. Nicht zurecht gemacht, aber gerade passend um so zu sein. Der Fernseher lief im Dauer-Loop vor meinem geistigem Leerlauf. Ich weiß nicht mehr, ob ich zappte, oder mich die Werbung das laufende Programm stetig nur vergessen ließ. Die Bilder rieselten unaufhörlich auf mich ein. Woben ein düstres Netz hinter mir an die Wohnzimmerwand. Einem Acid-Trip gleich schwommen die Bilder von einer Ecke zur der Anderen. Mal schwarzweiße Lieblingsformen, dann skurriles Durcheinander. Mal in Bunt mit Ton, dann vergas ich es schon wieder.
Manchmal streckte ich meine Hände vor mir aus. Griff in das bunte Wuseln, doch fasste nichts. Dann schloss ich die Hände und fühlte mich. Seit einiger Zeit lag ich nun. Mal die Decke über meinem Kopf gestülpt, einer der nichts ahnt von der Welt. Dann quetschte ich die Decke zwischen meine Beine, presste beide fest zusammen. Fühlte den Druck im Körper, mein Blick fiel dabei starr in die Röhre. Ein Mann der spricht. Er will mir was verkaufen. Ein Wald, ein Auto, mehr kaufen. Buttermesser-Set und ein ganzes Zigaretten-Lifestyle gaben sich vor meinen blassen Augen die Klinke in die Hand.
War ich das, was sich da vor mir abbildete, oder wollte das im Fernsehen, dass ich werde, was dort ist? Waren Freunde für mich nur noch ein aufgepimpter, Alkohol und Zigaretten konsumierender, flachgezeichneter Block aus lachenden Gesichtern und ahnungslosen Gesten? Stellte ich mir im Leben nicht manchmal die perfekten Dialoge vor? “Hey, du hier”, mit meinem smartestem Lächeln, unübertreffbar, unwiderstehlich. Ja, ich hab sie, die Frau, ja, ich hab es, das actionreiche Leben, wenn ich nur gespannt weiter gucke. Wenn ich mich nur tiefer und immer weiter berieseln lasse. Wenn meine Körperfunktionen immer weiter gen Null fallen. Der Kopf ausgehüllt. Nur noch Platz für das Bild. Der perfekte Tag, nur nicht in meinem Leben.
Mit jedem Umschalten auf einen neuen Sender, verändert sich mein Leben schlagartig. Nicht ein Leben, ich habe mehr als hundert Kanäle. Alle füllen sie mich neu aus. Hier kann ich alles haben, wenn ich nur wollte. Wenn ich nur wüsste wie. Doch die Antworten stecken sicher hinter all dem. Dem buntem Gewusel. Eintracht, Vielfalt. Was ist es, was mich da fühlen lässt? Ist es der Protagonist, oder bin ich es? Alles verschmilzt. Ich gebe auf, sinke tiefer und tiefer hinein. Zappe noch einmal.
Es ist Krieg. Die Salven schießen seit einigen Minuten scharf über den Vorsprung, unter dem wir unsere Köpfe dicht an dicht gepresst halten, als eine Explosion im Graben neben uns drei unserer Kameraden in dutzende Teile zerfetzt. Dreck und Erde schleudert uns entgegen. Das seichte rieseln von Kieseln, die von oben herab prasseln, klingen beinahe nach friedlichem Regen in einer Sommernacht. Was aus einem Menschen bleibt, wenn er explodiert, ist so befremdlich. Es ist so anders, wenn das Blut des Freundes in den eigenen Haaren klebt. Jemand schreit. Einer hat es überlebt. Beide Beine weg. Wir können nicht dorthin. Es zerreißt mich, diese Schreie zu hören. Dann wieder. Ein Donnern, pfeifen, zischen. Wir liegen unter Mörserbeschuss. Keine Chance, wenn wir noch länger hier bleiben. Ich greife zum Gewehr, lade es durch. Steige auf, laufe, laufe. Warum bin ich so allein?
Ein kurzes Nicken, meine Augen springen auf. Der Abspann des Filmes. Ich hab alles verpasst. Doch in mir tobt unterbewusst noch immer Krieg. Werbung läuft, die erlöst. Sie macht mich wieder vergessen von dem, was ich sah, was ich träumte, was ich bin. Eine Romanze wimmert im Fernsehen, ich bin zu gefühlsblind für so etwas. Ob ich all meine Vorstellungen von Liebe nur aus dem Fernseher kenne? Wieviel Erwartungshaltung hat der Konsum von schlechten Fernsehscripten schon in meiner Kindszeit in mich hinein gepresst. Erwartungen, die unerfüllbar bleiben müssen, weil die Inszenierte Handlung nie und nimmer real sein können. Schicksalsfügungen in weniger als zwei Stunden Laufzeit. Ich warte schon seit Ewigkeiten auf die perfekte Eine. Und ist dieses Warten nicht allein das Dilemma des Lebens geworden, dass wir durch immer schnelleres zutun eliminieren wollen?
Meine Aufmerksamkeit wird unterbrochen. Nachrichten. Sie hämmern in meine Aufmerksamkeit. Wieder achtzig Tote an einem Ort, an dem ich nie sein werde. Wieder Chaos und Zerstörung. Dann erhöhte Preise bei einem Bahnunternehmen. Menschen, die sich entrüstet zeigen. Gefolgt vom Wetter und abschließend eine Nachricht von einem süßem Zoobewohner. Wie leicht wir doch vergessen, dass Zoos auch nur ein Teil der Unterhaltungsmechanismen unserer Welt sind. Ein kleiner Schaukasten der Welt, die wir so nie erfahren werden.
Was hält mich hier so fest. Eingeknotet in dieser Decke. Was lässt mich pausenlos all die Dinge tun, die nichts tun, außer mich irgendetwas machen zu lassen? Die Werbung reißt mich aus den Gedanken. Wie angenehm diese Leere hier ist. Alles rauscht an mir vorbei. Die Zeit geht um. Ich kann nun wieder schlafen gehen. Morgen läuft ein neuer Film. Ich will ihn unbedingt sehen. Vorher checke ich noch die Nachrichten online. Dann ein Klick zu den fun-Seiten. Ich scrolle durch die Bilder und lache nicht. Es ist bald 5 Uhr morgens. Ich sollte schlafen, für den nächsten Tag.
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