Kopfherzmensch

Stille. Ein Schweigen mehr als Worte.

Alles vorbei, wenn das Licht angeht.

Könnte ich nur ein weiteres Mal das Momentum atmen. Die Poren bis zum Zerreisen angespannt. Die kleine Perlen, aus salzigem, abtrünnig gewordenem Wasser auf meiner Haut spüren, die den tosendem Körper hinab strömen. Nur noch einmal alles zweimal sehen. Den perfekten Moment. Diese Wegwerfkamera-Foto Augenblicke. Wenn die viel zu kleinen Pupillen der ausradierten Augen im Blitzlicht aufglühen und abfärben. Im letzten Blick noch einmal alles mitnehmen. Festhalten.

Den letzten Tanz ein zweites Mal vollführen. In den Armen einer Fremden. Küssende Münder. Zwei Menschen, die bereit waren gegen alles aufzubegehren. Bereit, die letzten Festungen des schlummernden Verstandes ein für alle mal einzunehmen, um am Ende mit wehenden Fahnen der tosenden Masse entgegen zu treten. Alles vibriert. Und ich stehe noch da, als das letzte Klatschen der bunten Meute langsam durch mein Gehörgang wanderte. Mit gehobenen Fäusten und zerrissenen Fahnen, auf denen ‘Freiheit für immer’ geschrieben stand.

In kleinen Räumen und Hallen, spielen wir unsere Rollen perfekt. Manch einer bleibt Statist, der andere ganz hinter den Bühnen verschwunden. Doch so mancher zeigt plötzlich Kern. Wir feiern, um zu sein, weil wir anders nicht wissen, wie es geht. Im Beruf, im Studium, in den Schulen. Ja, auch hier passen wir uns an. Doch passen wir uns hier am Besten. Würde es in diesem Land Revolutionen geben, sie fänden nicht zuerst auf den Straßen oder im Internet statt, sondern in den abgedroschenen, abgewaschenen Clubs. Im hinterstem Winkel der Stadt, würden wir die Musik unseres Lebens auf die Straßen tragen. 

Und doch, ist alles vorbei, wenn das Licht angeht. Wenn die ausradierten Augenhöhlen schmerzen, vom viel zu grellem Licht der Neonröhren. Wenn kein Alkohol mehr fließt. Die letzte Runde bereits vorbei. Dann lösen wir uns und gehen wieder der alltäglich getrennten Wege. Vorbei an jenen, die sich doch so sehr gefeiert hatten. Moderne Fight Clubs, über die wir nie wieder sprechen. Doch finden sie wieder und wieder statt. Und statt blauer Augen, tragen wir verblasste Stempel auf unseren Händen. Und treffe ich dich am nächsten Tag, so sehe ich dein Denkmal, das wir uns für diese Nacht gesetzt hatten und nicke dir vielleicht nur zu. Aber darüber reden, das werden wir nie. 

Taumeln

Meine Arme taumeln über beide Ohren hinaus.
Wenn ich dich nehme, dann übernimmst du mich.
Kontrolle abwegig.
Im Sturz mit dem Kopf voraus, denn du schützt mich. 
Und all die blutigen Spuren,
wenn du mich loslässt,
waren nie von dir.

Bau meine Mauern wieder auf,
heute bin ich in meinem Elend der Erhabende.
Alles im Griff, wenn ich dich habe.
Lässt dich eifrig über mich aus.
Und ich lache darüber.

Ohne dich bleibt der Himmel grau.
Mit dir ist es das Selbe.
Nur das ich es nicht mehr sehe.
Weißer Schaum, extrahiert.
Lasse dich fallen und alles ist vorbei.

Im Schwindel deiner Worte.
Verköstige ich alles,
was du mir zum Fraße vorwirfst.
Bist Tochter die tanzt,
nach der ich so benommen bin.

Der Pendler.

Wander nur noch von Stadt zu Stadt.
Ankommen, um niemals anzukommen.
Das Eigentliche nur ein blick weit entfernt.
Und doch getrennt von der Fensterscheibe des Zuges.
Eine Griffweite vom verfehltem Glück.
Doch die Hand ist taub vom arbeiten.

Aufstehen, um wach zu bleiben.
Wach bleiben, um wieder aufzustehen.

Der Blick treibt durch die Parzellen,
der letzten Häuser am Stadtrand.
Ein Stakkato der Straßen im Fluchtpunkt.
Weiter ziehen, weiter gehen.
Keine Zeit hier anzuhalten.
Der Zug auf dem Weg zum Ziel.

Ankommen, um da zu sein. 
Da sein, um endlich anzukommen.

Der Bahnsteig wird zum zuhause. 
Warten auf das Abfahrtsignal.
Sitzend weiter bewegen.
Die Seiten der Bücher waren noch dick gestapelt,
und sind vor dem Ausstieg ausgefranzt und zum Ende hin
dünn gewordene Geschichten.

Male mit dem Finger in den Dunst der Scheibe.
Ein Zeichen setzen, bis zur nächsten Abfahrt.

Wenn ich dich atmen höre.

Zwei Leben davon entfernt, endlich im Glück zu schwimmen. 
Endlose Straße, vom Morse-Code des Mittelstreifens in unendliche Fragmente unterteilt. 
Auf der einen Seite, verbiegen sich spitze und schräge Zacken im Wind.
Das Meer, auf der anderen Seite, zerfließt in sanften Wogen.
Schaum formt Figuren auf zerfallender Oberfläche.
Das Korn des Sandes verwischt. 

In den Fernen kann ich deine Schritte sehen.
Sehe, wie dein Schatten hinter der Sonne verschwindet.
Fährten führen in den Regen,
die die letzten Spuren stehlen.
Wenn ich dich atmen höre, dann hört mein Herz auf zu schlagen.

In sanften Wogen zerfloss das Meer in meinen Armen. 
Die Zacken waren abgetragen, waren kahl bis auf den letzten Blick.
Die Kälte sog sich fest und ließ nicht mehr los.
Gänsehaut betäubte meinen Körper. 
Wo ich stand, war kein Boden mehr.

In den Fernen konnte ich deine Schritte sehen.
Ein Schatten, der hinter der Sonne verschwand.
Fährten führen ins Nichts,
weil der Regen nicht mehr fiel.
Wenn ich dich atmen höre.

Ad Absurdum

Jede Silbe die er Sprach, schmeckte gleichzeitig nach dem Geschmack von dem Eisen in seinem Blut. Ausgezerrte Augenblicke bekamen erst tiefliegende Augenhöhlen, die von abgemagerten Wangenknochen umzingelt wurden. Dann verschwand das Leben in seinem Gesicht, als der kalte Herbstwind, samt seiner kleinen Kinder gegen sein Gesicht prasste. 

Heute stand er vor dem prunkvollem Gebäude, um einen weiteren Termin abzuarbeiten. Es fiel im beinahe leicht, an diesem Morgen das Bett zu verlassen. Die Termine gaben ihm die bereits fehlende Routine eines gewöhnlichen und alltäglichen Tagesablaufes. Zu funktionieren. Das war das Relikt. Übrig geblieben. Von all dem, was starb, blieb der Takt der Termine. 

Eine abgemagerte Gestalt streifte flüchtig durch die Tür. Niemand bemerkte es, da sich die Tür kaum nach vorne neigte. Es brauchte keinen Platz mehr zum Existieren oder Fortbewegen. Ein Körper, geformt, um sich durch die Präsenz zu schneiden. Sein Schritt ging direkt zur Information. Es war ein kleines Büro, dessen Wände größtenteils aus Glas bestanden. Mitten darin saß eine Dame. Sie erschien ihm so unbedeutend an diesem Ort. Sie war zierlich. Ihre Haare fielen völlig ungewollt herab und war bis zu den Schultern fein säuberlich geschnitten. Lagen glatt an ihrem groß wirkendem Kopf an. Sie trug eine schlichte blaue Bluse. Ihr Gesicht erinnerte ihn an Nichts. Und doch weckte sie seinen verrotteten Beschützerinstinkt und er ekelte sich davor. Die Dame saß also hinter dem Glas, das die Menschlichkeit von allem abtrennte und er trat zu dem kleinen Guckloch, das viel zu niedrig angebracht war, sodass die Dame bequem sitzen bleiben konnte, er sich jedoch hinunterbeugen musste, damit er sie verstehen konnte. Aber verstand er die Dame hinter dem Glas nur schlecht. Das Glas schluckte alle gesprochenen Vokale und Konsonanten und vermischte sie zu einem dumpfen Brei aus Gesagtem. Er versuchte eifrig alles gesagte zu wiederholen “Stockwerk 2., Gebäudeabschnitt D, Raum 119, Herr Remscheid.” Nachdem er sich, beinahe gebetsartig bei der Dame bedankte, wandte er sich umgehend dem Aufzug zu. Als er den 2. Stockwerk am Bedienpult drückte, ertönte eine Stimme, die ihm das Stockwerk bestätigte. Darauf hin schloss sie die Tür. Im 2. Stock wies die Stimme darauf hin, dass dies der zweite Stock sei. Dann öffnete sich die Tür.

Die offene Räumlichkeit irritierte. Gedacht offen gebaut zu sein, sorgte der Wald an Schildern und Hinweisen eher zur Verwirrung. Er fand den Gebäudeteil erst, als er beinahe alle Buchstaben abging. Jede Tür zählte und die Schilder musterte. Er fühlte sich fremd. Ungewollt. Nach einer Weile fand er die Tür. Eine brummende Stimme dröhnte durch die Tür und er saß sich, ohne vorher zu klopfen um zu sehen, ob sich eine weitere Person im Raum fand, auf den Sitz, der neben der Tür stand. Zum Warten. Warten. Nach einer Weile ruhte die brummende Stimme, doch er stand nicht auf, um zu sehen, ob der Raum frei sei. Er wollte warten. Warten. Auf dem Flur herrschte keine Regung. Nur gelegentlich ging eine Person von einem Raum, in einen der unzähligen anderen Räumen umher. Kreuzten sie ihn dabei, nickte man sich bei der ersten Begegnung noch zu. Bei der zweiten ignorierte man sich wohlwollend. 

Sein blick ruhte nun bereits einige Zeit auf dem Boden, wo sich ein grauer, filzig wirkender Teppich ausgelegt war. Die Wände waren in einem schlichten Holzton gehalten. Die Decke war mit Raufaser tapeziert worden. Zur linken Seite war ein Fenster, dass das kahle Licht durch den Flur war. Zur rechten eröffnete sich irgendwo der offene Raum, in dem er vor kurzem noch umher irrte. Und er wartete. Bis einer der, vermutlich angestellten vor ihm stand. Er sah die unmöglichen Schuhe. Dann die Hose. Einen Schritt. Ein Hemd. Blau. Schlicht. Dann ein, von Alkohol aufgedunsenes und errötetes Gesicht. Ein Mann. Wahrscheinlich mitte 40 stand vor ihm. Fragendes Gesicht. 

"Wollen sie da denn nicht rein? Sie sitzen schon fast eine ganze Stunde hier. Dabei scheint es doch so, als wollten sie zu Herrn Remscheid, oder irre ich mich?", fragte der Mann. Beinahe schnaufend, als sei das Reden eine Anstrengung. 

"Was?", entgegnete er verwirrt. 

"Ob sie nicht dort rein möchten? Herr Remscheid wird doch sicherlich bereits auf sie warten. Wieso lassen sie ihn warten? Ist das so ihre Art? Ungewöhnlich sind sie. Also?" In seiner Stimme klang Melancholie und erbitterte Wut zugleich mit. 

"Ja, doch. Ich wollte da schon rein.", antworte er.

"Und wieso klopfen sie nicht, und gehen hinein?", schnaufte der blaue Mensch.

"Ich weiß nicht.", antwortete er beinahe entrüstet. Resignierend. 

Darauf hin beugte sich der Mann nach vorne und klopfte an der Tür. Eine Stimme signalisierte, dass die Tür geöffnet werden darf. Der Mann öffnete: “Hier sitzt so ein Typ, seit einer Stunde. Hast du ihn hier warten lassen?”, fragte er Herrn Remscheid. 

"Hier hat niemand geklopft. Wer ist denn dort und wartet?", fragte Herr Remscheid.

"Na, so ein Typ. Seit einer Stunde. Ich weiß nicht, wer das ist. Erwartest du denn jemanden?"

"Ich hatte vor einer Stunde einen Termin mit jemanden, aber er kam nicht", erwiderte Herr Remscheid, "ob er das ist? Wie lang sagtest du, sitzt er da nun bereits?", fragte er. 

Der blaue Mann wandte sich der, in sich hineinfallende Gestalt fragen an, dann wandte er sich wieder dem Raum zu: “Ne Stunde. Geschlagen. Ich hab’s kontrolliert!” postulierte er beinahe in einem stolzem Hohn Herrn Remscheid gegenüber. 

"Dann wird er es sein. Wieso kommt er denn nicht rein?" fragte Herr Remscheid deutlich an die sitzende Gestalt gewandt.

"Wieso gehst du nicht hinein?", wandte sich der blaue Mensch der Gestalt zu.

"Ich weiß es nicht.", erwiderte die Gestalt, die förmlich an den Sitz genäht wirkte. 

"Nun kommen sie doch, es ist nun Zeit!", sprach Herr Remscheid energisch. 

"Es ist Zeit", wiederholte der blaue Mensch.

"Es ist Zeit", wiederholte die Gestalt und erhob sich langsam und ging gebeugt in den Raum, alsdann der blaue Mensch die Tür hinter ihn schloss. 

"Nehmen sie doch bitte Platz, was verschlägt sie hier her?", sprach Herr Remscheid freundlich. Die vielen Seminare und Sitzungen zur Kundenumgang hatten ihn handzahm gemacht, aber er war kein guter Schauspieler gewesen, als dass nicht jeder die sofortige Kälte in diesem Raum hätte nicht merken können. Herr Remscheid hatte eine Mauer um sich herum gebaut. Es war ihm merkbar egal, weshalb er da war. Selbst, wenn es deswegen war, um Herrn Remscheid zu töten. Aus beliegen Gründen. Es wäre Herrn Remscheid egal gewesen. Denn jeden Abend besuchte er eines der vielen Bordelle der Stadt, um später seiner Frau die vielen Überstunden zu erklären. Sein Leben war zu Ende, ehe es ihn in das Grab lockte. Vor der Gestalt saß ein perfekter Lebenslauf, der hier sein Ende fand, ohne geendet zu sein. Es könnte noch Karriere warten. Warten. Seit Jahren im Hamsterrad. Warten.

"Ich wollte einen Antrag stellen", begann die Gestalt, "auf Freiheit."

Herr Remscheid griff mit beiden Händen an den Enden seines Stiftes und lehnte sich in seinem ledernem Drehstuhl zurück und blickte fragend. Ein längerer Moment des Schweigens ging einher und schien den Raum für einen kurzen Moment mit Bedeutung zu füllen. Die billige Pflanze im Raum fing zu Atmen an. Der Raum füllte sich mit Sauerstoff. Draußen begann es erneut zu regnen. 

"Freiheit?", fragte Herr Remscheid dann endlich, "sie wollen einen Antrag auf,.. Freiheit stellen? Wie soll das aussehen?"

Die Gestalt beugte sich nach vorn, und stützt seine Ellenbogen auf seine Beine, pustete kurz in seine Hände, die er dann an seinen Nacken entlang streifte und lehnte sich wieder zurück in den Sitz. 

"Ich will Freiheit. In der Form, dass es aufhört. Aufhört zu bleiben und beginnt zu sein. Freiheit in der Art, dass es keine Form mehr gibt. Das es die Art der Form nicht mehr gibt. Das es keine Vermessung dessen gibt, was die Art der Form als Freiheit beschreibt. Denn ich will das Unbeschriebene, das Ungeformte. Das das Gebende aufhört und zum Werdendem wird.", sprach die Gestalt so, als habe er diese Zeilen über Jahre auswendig gelernt, um sie nun so langsam und deutlich wie nur möglich in diesem einen Raum vorzutragen.

"Bitte verstehen sie, wir führen hier keinerlei Formulare oder Anträge solcher Art. Ihr Antrag nach Freiheit kann hier also nicht stattgegeben, noch verfolgt werden", sprach Herr Remscheid mit skeptischem Blick. Seine Kompetenzen waren in wenigen Minuten in einen metaphsysischen Raum gezerrt und ausgezogen worden. Er war nackt in dessen, worauf er nie vorbereitet gewesen war. In all den Jahren des Fleißes, der Entbehrungen. Die Absurdität führte seinen Verständnis Rahmen ad absurdum. 

"Verstehen sie. Oder probieren sie es. Es ist kein Formular, kein mechanischer Akt ihrer Arbeit, der diese Konzeption, dessen abstrakter Rahmen uns bewusst sein sollte, in irgendeiner Form ausführen könnte. Und doch möchte ich um eine Freiheit bitten", sprach die Gestalt nun selbstischer werdend.

"Entschuldigen sie. Es ist absurd. Wir sind dafür überhaupt nicht zuständig. Diese Sache unterliegt in keinerlei Entfernung meiner Kompetenz, oder gar Arbeitsbereich. Ich bearbeite nur Anträge, dessen Rahmen und Konzeption meiner Arbeitsweise entspricht." Herr Remscheid stützt sich nun ebenfalls mit seinen Ellenbogen. Jedoch auf seinem Schreibtisch. Den Stift ließ er auf seinen Notizkalender fallen und blickte die Gestalt hilflos an.

"Dann sind sie, ebenso wie ich, gescheitert. Ich danke ihnen." Die Gestalt stand auf und verließ den Raum. Auf dem Flur stand der blaue Mensch: "Na, hat sich das Warten gelohnt?", fragte er höhnisch. Er musste das Gespräch belauscht haben. 

"Es gibt nichts, auf das es sich zu warten lohnt. Es ist das Sein, das sich lohnt", erwiderte die ausgezerrte Gestalt. 

"Tut mir leid, aber das verstehe ich nicht. Solche Dinge liegen nicht in meinem Bereich der Kompetenz", antwortete der blaue Mensch monoton und mechanisch. 


Okkultes System

In der Idylle der Tragödie spiegeln sich die Reihenhäuser wider.
Elitärer Kreis, vermummt in Escher’schem Stufensystemen.
Heb’ dein Grab aus und sie legen zwei Schüppen Erde wieder drauf.
Die Mühle mahlt in aller Ruhe dein Schicksal zu feinem Sand
und später wird es, in den riesigen Kolben ihrer Sanduhren,
deinen Rhythmus bestimmen.
Kletter zwischen den Dornen hinauf und glaub’,
dass diese Narben dich seit jeher bestimmt hätten.

Einst opferten okkulte Kulturen ihre eigenen Leiber,
damit die Sonne wieder im Zenit steht.
Heute opfern wir jegliche Form von Kultur,
damit Datenbanken unseren Willen fressen.

Idealismus und Selbstbestimmung sind bloße Worthülsen,
wenn sie gegen die Maschinerie des Nimmersatts
geschossen werden und bitterlich verkommend
zu Boden fallen und aus ihnen kein Keimling tritt,
weil die Erde von Menschenhand verkümmert ist.
Verbrannte Helden sind nur noch Bilder in Magazinen.
Gelobt sei die Schweigsamkeit der neuen Diktatur.
Sie sehen dich, wenn du sie nicht sehen kannst.

Einst opferten okkulte Kulturen ihre eigenen Leiber,
damit die Sonne wieder im Zenit steht.
Heute opfern wir jegliche Form von Kultur,
damit Datenbanken unseren Willen fressen.

Konsum

In den Adern pochen bräunliche Brocken, die in dein Ohr die geheimen Formeln flüstern. Es rauscht am anderen Ende der Leitung, wenn der Hörer des Telefons an seiner Strippe hinunter hängt. Seichter Code, der sich piepsend bemerkbar macht. Und die Sonne steigt im Bauch hinauf. Lauert, um den Schatten zu verdrängen. Am Vorhang die Flecken vergangener Nächte. Zugezogen, damit die Außenwelt ein Spalt bleibt. Fern entwickelt. Diese, nun blinzelnd im Neonblau auf die Wände. Bereit, sich unbemerkt dort hinein zu brennen. Tage nicht mehr gezählt, sondern in Platten aus Beton abgewogen. Das Gramm im Beutel, Index des Vergangenem. Treibt dich aus den Höhlen hinaus. Zum nächsten Ticker, den du nicht kennst. Nicht fragst, wo der Andere hin verschwunden ist. Hellbraun. Andere Qualität. Treibt sich flüsternd durch den Arm und die Sonne steigt wieder auf. Bereit die Schatten aus zu brennen. 

Kleiner Tick. Kratzen hinterm Ohr. Haut entzündet. In den Augen erste Ablagerungen. Gelb. Doch färbt es den Blick nicht. Und doch unbemerkt, verliert das Gesehene Konturen. Geld fehlt. Im Laden neue Jeans, sie werden den nächsten Push fördern. Gefangen im Zyklus des Verlierens. In den Bars hängen sie ab. Du nur ihre Taschen im Kopf. Ziehst die Smartphones der Neureichen ab, um am Ende auf deinem Thron aus Dreck zu regieren. Wenn wieder die Sonne aufgeht. In den abgebrannten Adern fließt kein Brocken Blut mehr. Löcher im Kopf. Erkennst die Gesichter nicht. Der Ticker immer der Selbe. Doch für dich immer ein neues Gesicht geworden. Nasenbluten. Schlaf wird zu einer Hülle an Erinnerungen, die nicht mehr begreiflich sind. Der Tag wird nicht mehr gewogen, er wiegt dich. Hosen voller Kot. Magen schmerzt seit Tagen. Blut tritt aus den Wunden. Eiter riecht. Muffiger Wohnbau. Kleines Zimmer. Keine Decke mehr. 

Der Ticker zieht dich ab. Du ziehst die anderen ab. Deine Freunde nur noch Nummern im Buch. Keiner mehr da. Haare fallen aus. Neue Drogen auf dem Markt. Spritze im Schwanz, eingeschlafen. Wirrer Traum von der Sonne, doch sie stieg nicht mehr auf. Verschwitzt aufwachen. Das Lacken voller Urin. Nicht mehr wissend, von wem es war. Irgendwer liegt neben dir. Zähne verfault. AIDS ist eine Krankheit, die die trifft, die es bereits getroffen hat. Gaumen betäubt. Angeschwollen. Der Auswurf zwischen Blut und Eiter. Lunge pfeift. Lunge pfeift nicht mehr. Herz versagt auf dem Klo. Das Blaulicht, es brannte sich ein. Die Matratze hat nun ein Lacken und eine Decke. Liegt über deinem Gesicht. Haut vergilbt, Glieder eingefroren. Ein Leben im Nichts. Ein weiteres. Eine neue Zahl der Statistik. Nie wirklich begriffen.

Kindheitserinnerungen

In Kinderaugen spiegelten sich die eintönigen Fassaden der Fertigbauten wieder. Fensterteile, die sich nur an ihrem umringten Schmuck unterschieden. Gegossener Beton, an denen sich braune Steine schmiegten. Erinnerungen an das Meer. Kleiner runder Stein, dessen Haut glatt gestreift gewesen war. Durch Gezeiten gepeinigt, nur um in den tristen Höhen zu hängen. In die Hinterhöfen für die Kinder, die bald die Asylantenwohnheime anzünden sollten. Die jetzt jedoch im Sand neben der Holzburg, mit dem Wasser aus dem Hahn hinunter getragen, kleine Figuren zu Sternen und Häuser bauen. Und was sie umringt ist die Zukunft. Meter dicker Beton, der dich ergreift. Kleine Luftblasen in ihren Wänden eindrückend. Löcher fressen neue Konturen. Machen gesehenes zum ungesehenem. Interessant wird, was du zerstörst. 

Verbranntes Gras in der Mittagssonne bietet den Staub zum Fußball spielen. Zwischen den Pfosten der Schaukel, dessen Plastiksitz mal wieder angezündet wurde. Ein anderer Keller hat ebenso wieder gebrannt. Langeweile zerstört. Der Sommer drückt sich in die labyrinthartigen Muster. Grade Linien, die sich in die Wolken türmen. Ein Blick von Gebäuden, die keine Geschichten mehr erzählen. Den Wind zerschneidend. Spielen in den Einfahrten des Kaufhauses. Ein Plastikball mehr, der beim Spielen auf den Dächern verschwindet. Im Kaufhaus wieder klauen, das Geld von Mama für Süßes ausgeben. Wir sind jung, werden alt. Aber wissen noch nichts davon. Unbeschwerte Jugend im Plattenbau. Fernab der großen Städte. 

Die Haut der beine zerschnitten und brennend. Durch das hohe Gras wandernd. Über den Bach musst du springen, um in eine neue Welt zu kommen. Das Schilf des Korn streift seicht durch deine Finger, während deine Füße sich durch den ungeebneten Weg kämpfen. Kleine Kinderschuhe werden dreckig. Doch der tosende Stampfer wirbelt erneut den Staub auf. Beobachtend, wie der Dreck sich im Wind neu formt. In der Nasen kleine Körner, später, wenn du dir die Nase putzt. Erste Erinnerung daran, dass du gemerkt hast, das Vergangenheit real bleibt, auch wenn du sie nicht greifen kannst, wenn du den dunklen Schleim im Taschentuch siehst. 

Der Weg zur Schule bekannt. Doch Schule ist ein fremder Ort. Regeln und Rituale, die du nicht kennst. Nicht verstehst. Kalter Ort voller Räume mit Leben. Träume vom Spielplatz. Auf dem weg nach Hause wird der Blick von den Spielplätzen angezogen. Doch überall nur fremde Kinder. Fremde Menschen. Fremde Gegend. Und doch bist du zuhause. Nie etwas anderes gekannt. Erinnerung zurück und du weißt, es war mehr gewesen. Bei Oma. Im Vorgarten auf dem steinerndem Zaun kletternd. Das war die Welt, die ich besaß. Es war mein Reich gewesen. Doch im Hinterhof nie getraut, über den Abgrund zu springen und die Welt zu entdecken. Zu groß die Angst, enttäuschend verloren zu gehen. Und der Blick in das Ungewisse wird zu einer unheimlichen Gewohnheit, wenn die Tauben leise rufen. Das immer gurrende Geräusch, das bis heute noch die alten Erinnerungen weckt. Dunkelheit legt sich, bis du die Konturen des anderen Endes nicht erkennst. Und du nimmst hin, dass die Dinge eines Tages schwinden, aber du der selbe Mensch bleibst. Irgendwie, an einem anderen Ort. 

Wer’s dieser Mensch. 

Wer’s dieser Mensch. 

Sonne

Auf den pyroklastischen Stürmen, wo Licht das Licht zerfrisst.
Wo ein Stern sich mit dem Nichts vermischt.
Es zwischen heißen Platten aus Asche und Feuer spuckt und zischt.

Zwischen heißen Felsen gefang’.
Auf geschwollener Haut treibt ein gleisender Ozean seine Wellen voran.
Peitscht mit kaltem Rauschen jeden keimenden Kamm. 

Eine Wand aus Feuer zermartert die schreienden Schatten.
Partikel Verschmolzen, in tausend Teile verwachsen.
Ungetüm das sich türmt, muss sich geblendet 
über die Ränder seiner verrauchten Seele ertasten.

Rote Linien kreisen, fressen sich tief in sein Geweih.
Es wehrt sich, dann fällt ein kreisender Schrei.
Von allem was es war, war es doch nur ein weiteres Teil.